Donnerstag, 31. Dezember 2020

Das "Mysterium" um den Christstollen

Nun ist sie also schon wieder vorbei, die Weihnachtszeit. Morgen beginnt das neue Jahr und in diesem Sinne wünsche ich schon jetzt allen meinen Lesern ein ganz wundervolles, schönes und gesundes Jahr.

Was mich heute zu diesem Beitrag treibt, beschäftigt mich eigentlich schon ein ganzes Jahr. Zu kurios war die Geschichte, die mir jemand erzählte, der vermutlich noch nie im Erzgebirge war, wo die alten Sagen und Legenden rund um den Christstollen immer noch topaktuell sind, sie wurden uns sozusagen schon mit der Muttermilch verabreicht. Aber na ja, es gibt immer so viele Geschichten, wie es Menschen gibt und dies war eben seine Geschichte.

Ein bisschen abgekürzt erzählte er sinngemäß, daß der Christstollen für die Windel des Jesuskindes steht.

Also mal ehrlich, wem da der Stollenappetit nicht vergeht. Eine vollgeschissene Windel mit einem köstlichen Weihnachtsgebäck - DEM urtypischen Weihnachtsgebäck - in Verbindung zu bringen, das muß man erst mal drauf haben. Respekt der Geschmacklosigkeit, war mein erster Gedanke dazu. Aber egal, es war eben seine Version. Als ich dazu mein Veto einlegte, wurde er recht nachdenklich, trotzdem habe ich seine Version gelten lassen. Wer bin ich, daß ich nicht seine Geschichten gelten lassen könnte, so, wie ich eben meine habe. Und diese lautet so:

Der Weihnachtsstollen ist ein uraltes Synonym in Bezug auf die traditionsreiche Bergbauzeit. Der unterirdische Abbau von Eisenerz brachte einst den Menschen Arbeit, Geld und Wohlstand. Es war wohl eine gefährliche Arbeit und so Mancher kam nicht wieder lebend an das Tageslicht. Zu Jahresende dankte man der Erde, oder dem Schicksal, daß die Männer es wieder geschafft hatten und wieder ein Jahr lang unbeschadet ihre Familien ernähren konnten. Zum Dank dafür wurde daher ein Stollen gebacken, welcher einen wirklichen Bergbaustollen darstellen sollte, mit den übereinander liegenden Schichten, die aus dem tiefen Stollen herausgeschafft wurden, um einen Gang zu den Erzadern zu graben. Die dicke Schicht Puderzucker war dabei Synonym der hohen Schneewehen, die den Bergbaustollen im tiefsten Winter zudeckten.

Aber die Tiefgründigkeit des Christstollens geht noch weiter. Stets wurde um die Zeit der heiligen Barbara, also Anfang Dezember, mit dem Stollenbacken angefangen. Die Heilige Barbara ist ja die Schutzpatronin der Bergleute, paßt also zeitlich und themenmäßig schon zusammen. Angeschnitten werden durfte das köstliche Backwerk aber noch lange nicht. Man mußte Geduld aufbringen, so wie jede Frau geduldig auf das tägliche Nachhausekommen ihres Mannes wartete, mußte auch beim Stollen auf den richtigen Zeitpunkt gewartet werden. Der Stollen durfte in dieser Zeit "durchziehen" und damit seinen besten Geschmack entwickeln. Gelagert wurde er in dieser Zeit gut verpackt, kühl und dunkel, mit einer gewissen Raumfeuchte, am besten einem kühlen Keller, oder eben einem Erdkeller ähnlich dem Bergbaustollen. Auch das ist eine "Brücke" zum Thema Bergbau. 

Gewartet wurde mit dem Anschnitt bis zum ersten Weihnachtsfeiertag. Ich geb es zu, bei uns wurde schon am Nachmittag des Heilig Abend bei einer Tasse Kaffee der erste Stollen angeschnitten, weil wir es einfach nicht mehr erwarten konnten. Aber auch dieser Zeitpunkt hatte eine tiefe Bedeutung. Genau an dem Tag, als die Wiederkehr des Lichtes gefeiert wurde, welche in christlichen Kreisen als die Geburt Jesu gefeiert wird. An diesem Tag wurde gefeiert, daß auch der Bergarbeiter immer wieder zurück ans Licht gekommen ist. Diese große Dankbarkeit war es wert, daß man nur die besten Zutaten in das Backwerk gab. Gute Butter, Mandeln, Rosinen, in der "Neuzeit" kamen dann noch Zitronat und Orangeat, Marzipan und so manche Leckerei hinzu. Nach dem Motto: Man gönnt sich sonst nix...

Nun kann man sich fragen, warum nicht schon zur Wintersonnenwende, also am 21/22. Dezember, der Stollen angeschnitten werden durfte, wo doch schon an diesem Tag der Lauf der Sonne wieder Fahrt aufnahm. Nein, das hängt mit den biblischen 3 Tagen Finsternis zusammen. Die Tage vom 21. bis 24. Dezember stellten die 3 Tage Finsternis dar, weil erst am 25. Dezember der Überlieferung nach die Sonne wieder jeden Tag höher stieg. In den 3 Tagen machte die Sonne eine wohlverdiente Pause. Und bei uns im Gebirge hatte man wirklich oft den Eindruck, daß in diesen Tagen die Sonne regelrecht verschluckt worden war, wenn die tiefen Wolkenmassen am Himmel hingen und dabei Regen, Schnee und Eis mit sich brachten. Auch da mußte man eben Geduld aufbringen bis man das "Licht am Ende des Tunnels" wieder sah. Aber dann wurde gefeiert, was das Zeug hielt. Die Tische bogen sich regelrecht unter dem köstlichen Essen mit Bratwurst, Gans & Co. und natürlich auch den vielen guten Stollen, die mitunter bis Ostern reichten.

Heute ist der tiefe Sinn des Christstollens weitgehend abhanden gekommen. Schade eigentlich. Schon ab Ende August liegen die Lebkuchen in den Regalen der Supermärkte. Die industriell hergestellten Stollen, die auch meist sehr industriellen Geschmack haben, warten auf ihre Käufer und sie werden auch gekauft. Ich würde für sowas keinen Heller ausgeben aber ich gebe zu, daß auch ich schon sehr zeitig die mir gut schmeckenden Lebkuchen kaufe, auch wenn ich sie vorerst nur im Vorratsschrank lagere. Es war irgendwann notwendig geworden. Weil: Versucht mal, kurz vor Weihnachten noch ein paar qualitativ hochwertige Weihnachtsgebäcke zu bekommen, da findet Ihr nix. Wenn die Weihnachtsfeiertage vorbei sind, ist in den Läden alles ausgeräumt, da gibt es keinen einzigen Stollen mehr. Man kann dann eher schon auf Schokohasen stoßen. Ja, so ändern sich die Zeiten...

Und genau deshalb sollte man sich auf die ursprüngliche Bedeutung von so vielen Traditionen besinnen. Es lohnt sich, wenn man nicht immer alles zu jeder Zeit hat. Geduld macht viele Dinge zu etwas ganz Besonderen. Und man bekommt das gute Gefühl, daß hinter allem ein tieferer Sinn steht. Man muß ihn nur sehen wollen.


Eure Petra K.


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